Mein Mann stand neulich morgens in der Küche, eine Hand auf dem Bauch, und meinte, ihm sei schlecht. Ich war in Woche zehn. Er nicht. Trotzdem saß er da wie ich vor zwei Jahren, blass, mit Zwieback in der einen und Wasser in der anderen Hand.

Ich dachte erst, er macht sich über mich lustig. Macht er nicht. Es gibt dafür sogar einen Namen: Couvade-Syndrom. Und offenbar ist mein Mann kein Einzelfall.

Was ist das Couvade-Syndrom

Der Begriff kommt vom französischen “couver”, brüten oder ausbrüten. Gemeint ist damit, dass manche Männer während der Schwangerschaft ihrer Partnerin ähnliche Beschwerden entwickeln wie sie selbst. Nicht aus Show, nicht aus Mitleid gespielt, sondern echt spürbar. Übelkeit am Morgen. Heißhunger auf Dinge, die sonst nie auf dem Speiseplan stehen. Rückenschmerzen, obwohl niemand ein Baby trägt außer dir.

Wie viele Männer das betrifft, ist schwer zu sagen. Die Zahlen in verschiedenen Studien schwanken stark, je nachdem wie genau man hinschaut und wen man fragt. Manche kommen auf wenige Prozent, andere auf fast die Hälfte aller werdenden Väter, das hängt stark davon ab, wie streng man Symptome zählt. Dazu gibt es insgesamt eher wenig Forschung, das Thema ist einfach nicht besonders gut untersucht.

Als ich das meiner Schwester erzählt habe, meinte sie nur trocken: “Na endlich macht er mal was mit.” Ich musste lachen. Ganz unrecht hat sie nicht.

Die Symptome, die mein Mann und andere Väter kennen

Körperlich zeigt sich das Couvade-Syndrom oft als Gewichtszunahme (manche nennen das liebevoll den Mitleidsbauch), als Übelkeit, Sodbrennen, Verdauungsprobleme, Müdigkeit oder eben jene Rückenschmerzen, die eigentlich zur Schwangeren gehören sollten.

Psychisch kommt oft noch etwas obendrauf: Gereiztheit, innere Unruhe, Schlafprobleme, manchmal auch Ängste oder eine gedrückte Stimmung. Das kann sich anfühlen wie ein kleines emotionales Wechselbad, nur eben beim Partner und nicht bei dir.

Am häufigsten taucht das Ganze im ersten Trimester auf, wenn auch bei dir selbst vieles noch unsicher und neu ist. Bei uns war es fast lustig: Ich hatte in Woche acht kaum Übelkeit, er dafür umso mehr.

Woher kommt das eigentlich

Eine einzige, klare Erklärung gibt es nicht. Der britische Psychologe Arthur Brennan von der St. George’s University of London vertritt die These, dass Männer mit Couvade-Syndrom ein besonders starkes Bedürfnis haben, sich mit der Schwangerschaft zu identifizieren. Sie wollen Teil davon sein, nicht nur Zuschauer am Rand.

Manche Studien bringen auch Hormone ins Spiel. Bei einigen werdenden Vätern wurden veränderte Prolaktin- und Testosteronwerte gemessen, ähnlich wie bei Frauen kurz vor der Geburt. Ob das Ursache oder Begleiterscheinung ist, lässt sich daraus aber nicht sicher ableiten.

Und dann ist da noch der ganz banale Stress. Eine Familie zu gründen bringt Sorgen mit sich. Finanzen, Wohnraum, die Frage, ob man das alles überhaupt hinbekommt. Solcher Druck sucht sich manchmal einen körperlichen Ausweg, auch bei Männern, die sonst nicht viel über Gefühle reden.

Historisch gesehen ist die Idee gar nicht neu. In manchen Kulturen gab es Rituale, bei denen Väter symbolisch die Wehen ihrer Partnerin nachahmten, um Teil der Geburt zu sein. Der Mann legte sich dabei sogar ins Bett, während die Frau längst wieder aufstand. Heute drückt sich das eher so aus wie bei meinem Mann: mit Sodbrennen in der Küche um sieben Uhr morgens, statt mit Ritual und Publikum.

Wann es wieder aufhört

Bei den meisten Vätern lässt es im zweiten Trimester nach und kann gegen Ende der Schwangerschaft noch einmal aufflammen, oft rund um den Geburtsvorbereitungskurs, wenn alles plötzlich sehr real wird. Nach der Geburt ist in der Regel Schluss. Beim zweiten Kind, hört man immer wieder, tritt das Ganze insgesamt schwächer auf. Bei uns hat sich das bislang bestätigt. Er hatte diesmal weniger Beschwerden als beim ersten Mal, ich dafür mehr.

Was du damit machen kannst

Als Erstes: Es ist keine Krankheit, keine Diagnose, kein Grund zur Sorge. Eher eine Art Mitgefühl, das der Körper wörtlich nimmt.

Reden hilft. Frag ihn, was ihn eigentlich beschäftigt, wenn die Übelkeit kommt. Oft steckt dahinter weniger der Magen als die Frage, ob er ein guter Vater wird.

Wenn die Beschwerden aber stark werden, wenn er kaum schläft oder sich richtig schlecht fühlt über Wochen, darf das auch mal beim Hausarzt zur Sprache kommen. Das gilt genauso für werdende Väter wie für dich selbst, falls bei dir etwas nicht stimmt. Eine gute erste Anlaufstelle bei allen Fragen rund um Schwangerschaft und Geburt ist außerdem eure Hebamme, sie ist nicht nur für dich da (frauenaerzte-im-netz.de).

Ansonsten, ehrlich gesagt, hilft vor allem eins: schmunzeln. Mein Mann hat mittlerweile einen Zwieback-Vorrat im Auto, für alle Fälle. Bei mir war das in der ersten Schwangerschaft übrigens genauso.