Am zweiten Sonntag im Mai stehen Mütter im Mittelpunkt – doch was bedeutet das eigentlich? Blumen, Pralinen, Frühstück im Bett? So schön diese Gesten sind: Es wird Zeit, dass wir tiefer blicken. Denn Muttersein ist viel mehr als Fürsorge und Kuschelstunden. Es ist ein tiefgreifender Wandel. Eine Zeit der Erschütterung und Neufindung. Eine Mutter wird nicht nur geboren, wenn das Baby kommt – sie entwickelt sich, Stück für Stück, durch einen Prozess, den die Wissenschaft Muttertät nennt. Und genau dieser braucht mehr Sichtbarkeit. Besonders am Muttertag.

Was ist „Muttertät“?

In der internationalen Forschung hat dieser tiefgreifende Wandel, den Frauen beim Mutterwerden durchlaufen, längst einen Namen: Muttertät. Der Begriff leitet sich vom englischen Matrescence ab – einem Fachausdruck, der bereits im Cambridge Dictionary verankert ist. Er beschreibt die vielschichtige Entwicklung, die mit der neuen Mutterrolle einhergeht – emotional, psychisch, sozial und körperlich. Ähnlich wie die Pubertät, aber in der öffentlichen Wahrnehmung bislang fast unsichtbar.

„Viele Frauen erleben die Muttertät als eine tiefgreifende Identitätsveränderung, ohne dass ihnen bewusst ist, dass es sich um einen ganz üblichen Prozess handelt“, erklärt Prof. Dr. Svenja Krämer, Expertin für Erwachsenenbildung. Und das kann verunsichern. Denn plötzlich ist alles anders – und das nicht nur wegen des Babys.

Im deutschsprachigen Raum ist dieses Wissen bisher kaum verbreitet – obwohl es für einen stabilen Start in die Mutterschaft so bedeutsam wäre. Während Schwangerschaft und Geburt große Aufmerksamkeit erhalten, bleiben die seelischen Veränderungen und die Auswirkungen auf Partnerschaft, Beruf und Selbstbild häufig unbeachtet. Genau hier setzen Prof. Dr. Svenja Krämer und Hanna Meyer an: Mit fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen und authentischen Einblicken aus der Praxis geben sie in ihrem Sachbuch der Muttertät endlich die Sichtbarkeit, die sie verdient.

Zwischen Glück und Überforderung

Wenn ein Baby geboren wird, wird auch eine Mutter geboren. Doch diese Geburt verläuft oft unbemerkt. Während der Fokus auf Schwangerschaft und Geburt liegt, fehlen vielen Frauen Informationen darüber, was danach passiert – mit ihnen selbst.

Statt Unterstützung erleben sie oft ein Wechselbad der Gefühle: tiefe Liebe und gleichzeitig Zweifel. Freude – und das Gefühl, zu scheitern. Ein Körper, der sich fremd anfühlt. Eine neue Rolle, die noch nicht passt. Und eine Gesellschaft, die oft nur das Bild der „perfekten Mutter“ zeigt – stark, liebevoll, jederzeit verfügbar. Doch dieses Bild macht Druck, nicht Halt.

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Warum wir über Muttertät sprechen müssen

Das Problem ist nicht die Veränderung selbst – sondern dass sie kaum benannt wird. „Unser Ziel ist es, dieses Thema sichtbar zu machen und Müttern eine Stimme zu geben“, sagt Hanna Meyer, die gemeinsam mit Krämer über Jahre hinweg geforscht und zugehört hat. Denn wer weiß, was da gerade mit einem passiert, fühlt sich weniger allein.

Aufklärung über Muttertät kann helfen:

  • Müttern, sich selbst besser zu verstehen

  • Vätern, die Veränderungen ihrer Partnerin einzuordnen

  • Fachkräften, gezielter zu unterstützen

  • Politik und Gesellschaft, Familien wirklich den Rücken zu stärken

Jede Mutter erlebt die Muttertät anders

Ob nach der ersten Geburt oder dem dritten Kind – Muttertät ist individuell. Sie hängt ab von der Lebenssituation, der eigenen Geschichte, den Rahmenbedingungen. Sie kann leise verlaufen oder mit voller Wucht. Aber sie ist immer ein Prozess. Und sie verdient Anerkennung.

Fazit: Muttertag neu denken

Muttertag sollte mehr sein als ein Ritual. Er sollte ein Tag sein, an dem wir Müttern zuhören. An dem wir ihre Geschichten würdigen – und die Veränderungen, die sie durchlaufen, nicht als Schwäche, sondern als Stärke sehen. Denn Muttertät ist keine Krise. Sie ist Wachstum.

Und jede Mutter verdient es, dabei nicht allein zu sein.

Weitere Informationen unter www.muttertaet.de sowie in dem Sachbuch Muttertät. Wenn sich plötzlich alles anders anfühlt, MVG-Verlag, ISBN: 978-3-7474-0485-0 (Autorinnen: Prof. Dr. Svenja Krämer & Hanna Meyer)