Mein Sohn ist zwei und würde für einen Keks jeden Verhandlungspartner der Welt aussitzen. Ich weiß, woher das kommt. Ich hab ihm ja selbst irgendwann die ersten Kekskrümel in die Hand gedrückt, an einem stressigen Nachmittag, als nichts anderes half. Kein Grund für schlechtes Gewissen, aber ein guter Anlass, mir das Thema mal genauer anzuschauen.
Süß ist keine Erziehungsfrage, sondern eingebaut
Babys kommen mit einer Vorliebe für Süßes zur Welt. Das ist keine Marotte, die man ihnen antrainiert hat, sondern eine sehr alte evolutionäre Prägung. Süß signalisierte früher: ungiftig, kalorienreich, gut für den kleinen Körper. Muttermilch selbst schmeckt leicht süßlich. Insofern ist die Liebe zum Keks biologisch nachvollziehbar.
Das Problem ist nicht die Vorliebe an sich. Das Problem ist, wie leicht verfügbar stark gezuckerte Lebensmittel heute sind. Der Kinderjoghurt im Kühlregal, der Fruchtriegel an der Kasse, der Kakao zum Frühstück. Die DGE empfiehlt deshalb, Kindern erst möglichst spät und dann nur in kleinen Mengen zuckerhaltige Lebensmittel anzubieten (dge.de).
Was die Zahlen zeigen
Laut dem Robert Koch-Institut ist in Deutschland ein relevanter Teil der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, mit deutlichen Unterschieden je nach Alter und sozialer Lage (rki.de). Zu viel Zucker ist dabei nicht der einzige Faktor. Bewegungsmangel, Bildschirmzeit und die allgemeine Ernährungsumgebung spielen mit rein. Aber Zucker ist der Teil, den Eltern im Alltag am direktesten beeinflussen können. Kein Umzug in eine bewegungsfreundlichere Stadt nötig, kein neues Schulkonzept. Nur der Blick ins eigene Küchenregal.
Die Zähne merken es zuerst
Bei meinem Sohn war es der Zahnarzttermin mit anderthalb, der mich wachgerüttelt hat. Milchzähne haben einen dünneren Zahnschmelz als bleibende Zähne und sind entsprechend anfälliger für Karies. Die Kinder- und Jugendärzte empfehlen deshalb, bereits ab dem ersten sichtbaren Zahn mit der Zahnpflege zu beginnen und regelmäßige Kontrolltermine wahrzunehmen (kinderaerzte-im-netz.de). Wenn dir an den Zähnchen deines Kindes etwas auffällt, weiße Flecken, Verfärbungen, Schmerzen beim Essen, ist der Kinderzahnarzt die richtige Anlaufstelle, nicht das Abwarten.
Was langfristig dranhängt
Ein dauerhaft hoher Zuckerkonsum im Kindesalter kann den Stoffwechsel belasten. Die Rede ist von einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes, Fettleber und Herz-Kreislauf-Erkrankungen im späteren Leben (gesundheitsinformation.de). Das klingt nach Zukunftsmusik, wenn man gerade erst die erste Beikost eingeführt hat. Ist es aber nicht ganz. Geschmacksprägung passiert früh. Ein Kind, das mit zwei Jahren süß als Standardgeschmack kennt, wird mit vier nicht plötzlich Gemüse lieben, nur weil es älter geworden ist.
Was bei uns tatsächlich funktioniert
Ich will hier keine Liste mit „einfachen Tricks“ aufmachen, die dann doch keiner umsetzt, weil der Alltag dazwischenfunkt. Ehrlich gesagt: manche Dinge klappen, manche nicht.
Was bei uns hilft: Obst liegt sichtbar auf dem Tisch, der Keksvorrat nicht. Kleinigkeiten, aber sie verschieben, wonach mein Sohn zuerst greift. Wasser statt Saftschorle als Standardgetränk, das hat am Anfang Diskussionen gegeben, mittlerweile fragt er gar nicht mehr nach Saft.
Was nicht funktioniert: komplettes Verbot. Wenn der Keks bei Oma zum Ritual gehört, mache ich daraus kein Drama. Ein Kind, das Süßes nie kennenlernt, entwickelt oft ein größeres Verlangen danach, sobald es die Wahl selbst trifft.
Und ja, das kostet Zeit. Selbstgemachte Pancakes ohne Zucker morgens vor der Kita sind kein Vergleich zum Fertigmüsli aus der Packung. An manchen Tagen schaffe ich das nicht, und dann gibt es eben doch das Fertigprodukt. Das ist kein Beinbruch.
Wie es weitergeht
Mit der Einführung fester Nahrung ist das Thema Zucker nicht abgehakt, es fängt eigentlich erst an. Sobald Kita und später Schule dazukommen, wird die Kontrolle über das, was dein Kind isst, spürbar kleiner. Was das für den Speiseplan zwischen drei und sechs Jahren bedeutet und wie du mit dem Süßkram bei Kindergeburtstagen umgehst, ohne die Spielverderberin zu sein, schauen wir uns in einem der nächsten Beiträge genauer an. Bis dahin lohnt sich auch ein Blick auf unseren Beitrag zu Übergewicht im Kindesalter und darauf, wie Zucker schon in der Schwangerschaft eine Rolle spielt.



