Eine Freundin erzählt, ihr Sohn habe den Schnuller mit vierzehn Monaten einfach weggelegt und nie wieder danach gefragt. Deine Tochter ist zwei und ohne Schnuller kaum zum Einschlafen zu bewegen. Sofort die Frage: Ist das noch okay?
Was ein Schnuller ist und woraus er besteht, haben wir im Glossarbeitrag zu Nuckel und Schnuller zusammengefasst. Hier geht es um die Frage, die Eltern eigentlich umtreibt: Wie lange darf, soll, kann genuckelt werden, ohne dass daraus ein Problem wird?
Die Spannweite ist größer, als man denkt
Manche Babys verlieren mit sechs, sieben Monaten von selbst das Interesse. Andere nuckeln bis zum dritten Geburtstag täglich mehrere Stunden, vor dem Einschlafen, beim Autofahren, wenn sie müde sind. Beides kommt vor. Beides ist für sich genommen kein Grund zur Sorge.
Was sich in der Praxis zeigt: Viele Kinder geben den Schnuller zwischen dem zweiten und vierten Geburtstag ab, oft im Zusammenhang mit dem Kindergartenstart oder weil ältere Geschwister es vorleben, manchmal auch, weil ein jüngeres Geschwisterkind da ist und der Schnuller plötzlich wie etwas für Babys wirkt. Manche brauchen länger. Das ist ein Erfahrungswert aus Kinderarztpraxen und Hebammenberatungen, keine feste Regel. Es gibt keine Altersgrenze, ab der ein Kinderarzt sagen würde: jetzt ist es zu spät.
Worauf es wirklich ankommt
Nicht das Alter allein entscheidet, ob sich Zahn- oder Kieferstellung verändern, sondern wie oft und wie intensiv genuckelt wird. Ein Kind, das den Schnuller nur zum Einschlafen braucht und ihn dann meist schon aus dem Mund verliert, ist anders zu betrachten als eines, das ihn den ganzen Tag über im Mund behält, auch beim Spielen und Sprechen. Ein einfacher Anhaltspunkt für Eltern: Wird der Schnuller über weite Teile des Tages aktiv genuckelt und nicht nur als Beruhigungshilfe zwischendurch gehalten, lohnt sich genaueres Hinschauen eher als bei einem Kind, das ihn kaum bewusst wahrnimmt.
Die BZgA weist darauf hin, dass vor allem der dauerhafte, intensive Gebrauch über das dritte Lebensjahr hinaus das Risiko für Zahn- und Kieferfehlstellungen erhöht (kindergesundheit-info.de). Gesichert ist: Je länger und häufiger ein Fremdkörper zwischen den Zähnen liegt, desto eher verändert sich die Form des Kiefers. Nicht gesichert ist eine genaue Zahl an Monaten, ab der das passiert. Das ist individuell.
Woran du erkennst, dass ein Blick sich lohnt
Ein paar Anzeichen, bei denen es sinnvoll ist, das nächste Mal beim Kinderarzt oder bei der Zahnärztin anzusprechen:
Die oberen Schneidezähne stehen sichtbar schräg nach vorne, während zwischen Ober- und Unterkiefer beim Zubeißen eine Lücke bleibt. Auch ein offener Biss, bei dem sich die Vorderzähne beim Zusammenbeißen gar nicht berühren, kann ein solcher Hinweis sein. Das Kind lispelt auffällig oder hat Schwierigkeiten, bestimmte Laute zu bilden. Der Schnuller wird über das vierte Lebensjahr hinaus mehrmals täglich und über längere Zeit genutzt.
Keines dieser Anzeichen ist ein Notfall. Es sind Punkte, die man in Ruhe bei der nächsten U-Untersuchung ansprechen kann. Die Kinderärztin schaut sich Kiefer und Zahnstellung ohnehin regelmäßig an, das muss niemand allein beurteilen.
Daumen statt Schnuller, ein anderes Kapitel
Manche Kinder wechseln vom Schnuller zum Daumen, oder nuckeln von Anfang an lieber daran. Das lässt sich schwerer steuern als ein Schnuller, den man irgendwann einfach nicht mehr anbietet, denn der Daumen gehört zum eigenen Körper und lässt sich weder verstecken noch schrittweise abschaffen. Ein Daumen ist immer verfügbar. Er übt zudem mehr Druck aus als die meisten Schnuller-Modelle, weil er größer und fester ist. Auch hier gilt: Ein Kinderarzt oder eine Zahnärztin kann einschätzen, ob und ab wann Handlungsbedarf besteht. Pauschal lässt sich das nicht sagen.
Abgewöhnen: Es gibt nicht den einen richtigen Weg
Manche Familien setzen ein festes Datum, oft verbunden mit einem Ritual wie dem „Schnullerbaum“ oder einem Geschenk zum Abschied. Andere lassen es schleichend auslaufen, indem sie den Schnuller tagsüber weglassen und nur noch nachts erlauben, bis er auch dort irgendwann überflüssig wird. Wieder andere warten einfach ab, bis das Kind von selbst das Interesse verliert, manchmal ausgelöst durch ein Vorbild im Kindergarten oder durch ein Geschwisterkind, das gerade selbst diesen Schritt macht.
Alle drei Wege funktionieren, bei manchen Kindern besser, bei anderen schlechter. Was bei einem Kind sofort klappt, kann beim nächsten wochenlang Tränen kosten. Das hat oft weniger mit dem gewählten Weg zu tun als mit dem Kind selbst, seinem Temperament, seiner Bindung an das Ritual des Nuckelns.
Was bleibt
Ein Vergleich mit der Nachbarstochter oder dem Kind aus der Krabbelgruppe bringt wenig, weil die Bandbreite einfach groß ist. Wer unsicher ist, ob der eigene Nuckelalltag noch unbedenklich ist, kann das konkret bei der nächsten U-Untersuchung ansprechen. Bis dahin gilt: Ein Schnuller, der selten und nicht dauerhaft im Mund liegt, ist selten ein Problem, ganz gleich, ob das Kind ein Jahr alt ist oder drei.
