Halb neun abends, die Kleine ist endlich eingeschlafen, der Große ruft zum dritten Mal nach Wasser, und ich sitze auf dem Küchenboden mit einem Tee, der schon kalt ist. So sehen bei uns die meisten Abende aus, seit mein Sohn vier und meine Tochter ein Jahr alt sind. Und ich weiß, ich bin damit nicht allein. Viele Eltern, mit denen ich rede, kennen genau dieses Gefühl: den Tag geschafft haben und trotzdem das Gefühl, noch gar nicht richtig angekommen zu sein bei sich selbst.
Dabei ist genau das der Punkt, an dem es kippen kann. Nicht sofort, nicht dramatisch. Sondern schleichend, über Wochen. Man funktioniert weiter, aber die Geduld wird kürzer, der Schlaf schlechter, die Freude an kleinen Dingen leiser. Selbstfürsorge klingt in solchen Momenten wie ein Wort aus einem Ratgeber, das nichts mit dem echten Leben zu tun hat. Ist es aber nicht.
Was Selbstfürsorge nicht ist
Selbstfürsorge ist keine Selbstoptimierung. Es geht nicht darum, noch eine To-do-Liste abzuarbeiten, diesmal mit Meditation und Sport drauf. Es geht darum, ehrlich zu merken, was du gerade brauchst, und das auch mal wichtiger zu nehmen als das Geschirr in der Spüle. Manchmal ist das eine Pause. Manchmal ein Nein. Manchmal einfach fünf Minuten, in denen niemand etwas von dir will.
Ich habe lange gedacht, ich müsste erst alles erledigt haben, bevor ich mir etwas gönne. Funktioniert nicht. Bei kleinen Kindern ist nie alles erledigt.
Kleine Momente, echte Wirkung
Du brauchst dafür keine freie Stunde. Ein kurzer Spaziergang um den Block, während der Papa badet, reicht oft schon. Oder bewusstes Atmen für zwei Minuten, wenn dein Kind gerade zufrieden spielt: vier Sekunden einatmen, sieben halten, acht ausatmen, das beruhigt tatsächlich das Nervensystem, das habe ich in stressigen Stillnächten öfter ausprobiert.
Wichtiger als die Dauer ist die Regelmäßigkeit. Fünf Minuten jeden Tag bringen mehr als eine Stunde einmal im Monat, die dann doch wieder ausfällt, weil ein Kind krank wird.
Alte Hobbys, neu gedacht
Vor den Kindern habe ich gern genäht. Seit vier Jahren steht die Maschine im Schrank. Neulich habe ich sie rausgeholt, mit meinem Sohn zusammen, er durfte den Stoff halten. Zwanzig Minuten, mehr war nicht drin, aber es hat sich angefühlt wie ich selbst.
Nicht jedes alte Hobby lässt sich eins zu eins zurückholen. Aber oft reicht schon ein kleiner, kindertauglicher Rest davon.
Hilfe holen ist kein Scheitern
Ein Netzwerk aus Familie, Freundinnen oder anderen Eltern trägt mehr, als man denkt. Frag ruhig, ob jemand mal eine Stunde übernehmen kann. Die meisten Leute helfen gern, sie trauen sich nur selten, es von sich aus anzubieten. Wenn du alleinerziehend bist, wiegt dieser Punkt noch mehr, dazu findest du mehr in unserem Beitrag zu mehr Leichtigkeit im Alltag als Alleinerziehende.
Schlaf ist keine Nebensache
In den ersten Lebensmonaten wachen Babys nachts noch mehrmals auf, das ist normal und keine Frage von “richtig machen”. Trotzdem: chronischer Schlafmangel bei den Eltern ist etwas anderes als eine einzelne kurze Nacht. Wenn du merkst, dass sich die Erschöpfung über Wochen nicht bessert, oder wenn zur Müdigkeit noch Antriebslosigkeit, Traurigkeit oder Überforderung dazukommen, ist das ein Punkt, den du bei der Nachsorgehebamme oder Frauenärztin ansprechen solltest. Der Berufsverband der Frauenärzte erklärt, woran man den Unterschied zwischen normaler Erschöpfung im Wochenbett und einer behandlungsbedürftigen Erschöpfung erkennen kann. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von guter Selbstwahrnehmung.
Im Alltag hilft oft schon, sich mit dem Partner oder der Partnerin bei den Nächten abzuwechseln, oder ein kurzes Nickerchen zu nutzen, wenn beide Kinder gleichzeitig schlafen. Bei uns klappt das vielleicht zweimal die Woche. Öfter nicht, ehrlich gesagt.
Nein sagen dürfen
Termine, Erwartungen, der Kindergeburtstag der Nachbarn, die Familienfeier am Wochenende, das WhatsApp-Elternabend-Protokoll. Es ist okay, nicht überall dabei zu sein. Ein freier Nachmittag ohne Plan bringt oft mehr als noch ein weiterer Programmpunkt. Das gilt für dich genauso wie für eure Beziehung als Paar, mehr dazu findest du in unserem Beitrag zur Work-Life-Balance für Eltern.
Dankbarkeit als Gegengewicht
Ein kleines Ritual, das bei mir tatsächlich bleibt: abends drei Dinge aufschreiben, für die ich dankbar bin. Manchmal ist es das Lachen meiner Tochter beim Baden. Manchmal einfach, dass der Kaffee heiß war, als ich ihn getrunken habe. Klingt banal. Verändert aber tatsächlich, worauf man am nächsten Tag als Erstes achtet.
Wenn du noch schwanger bist
Falls du diesen Text liest und dein Kind noch gar nicht da ist: Selbstfürsorge fängt nicht erst mit der Geburt an. Wie du schon in der Schwangerschaft ins Gleichgewicht kommst, welche körperlichen und emotionalen Veränderungen dabei eine Rolle spielen, das haben wir ausführlich in unserem Beitrag zur Selbstfürsorge in der Schwangerschaft gesammelt.
Am Ende zählt nicht die perfekte Routine
Es gibt keine Woche, in der ich alle Punkte aus diesem Text schaffe. Manchmal reicht der Tag nicht mal für den Tee, geschweige denn für Dankbarkeitsjournal und Spaziergang und Nähmaschine. Das ist okay. Selbstfürsorge heißt nicht, ein neues Programm perfekt durchzuziehen. Es heißt, öfter mal kurz innezuhalten und zu fragen: Was brauche ich gerade wirklich. Heute Abend war die Antwort bei mir: der kalte Tee, fünf Minuten Stille, und dann ins Bett.


