Du liegst auf der Liege in der Praxis, die Manschette pumpt sich zum zweiten Mal auf. Deine Frauenärztin schaut aufs Display, dann noch einmal. „Das messen wir gleich noch mal“, sagt sie beiläufig. Genau in so einem Moment fällt zum ersten Mal das Wort Präeklampsie. Vielleicht kennst du das. Es fühlt sich komisch an, auch wenn objektiv noch nichts entschieden ist.

Was jetzt zählt: Ein einzelner erhöhter Wert ist noch keine Diagnose, das kommt häufig vor und wird deshalb ja auch gleich noch einmal gemessen. Wichtig wird es, sobald zum erhöhten Blutdruck weitere Anzeichen dazukommen, etwa Eiweiß im Urin, starke Wassereinlagerungen oder Kopfschmerzen, die nicht mehr weggehen. Dann meldest du dich bei deiner Frauenärztin oder deiner Hebamme, am besten noch am selben Tag. Bei starken Beschwerden, plötzlichen Sehstörungen oder Schmerzen im Oberbauch fährst du direkt in die Klinik. Bis zum nächsten Vorsorgetermin zu warten, ist dann keine gute Idee.

Was im Körper eigentlich passiert

Der Name klingt nach Gift, gemeint ist aber etwas anderes. Bei einer Präeklampsie funktioniert der Mutterkuchen nicht so, wie er sollte. Die Gefäße darin sind schlechter durchblutet, das bringt den ganzen Kreislauf der Mutter durcheinander. Die Folge: Bluthochdruck, der neu auftritt oder deutlich ansteigt, dazu Eiweiß im Urin als Zeichen, dass die Nieren mitbetroffen sind. Wie hoch die Blutdruckwerte dabei genau liegen und ab wann sie als auffällig gelten, erklärt dir unser Beitrag zum Thema Blutdruck in der Schwangerschaft im Detail.

Meist zeigt sich das Ganze ab etwa der 28. Schwangerschaftswoche, es kann aber auch früher beginnen. Ärzte sprechen dann von einer early-onset Präeklampsie, wenn sie vor der 34. Woche auftritt, und von late-onset, wenn sie später beginnt. Nach Angaben des Berufsverbands der Frauenärzte ist zwischen 5 und 8 von 100 Schwangeren betroffen, damit ist es keine seltene Erkrankung, aber eben auch keine, die jede trifft.

In manchen Fällen kommt zusätzlich das sogenannte HELLP-Syndrom dazu. Dabei geraten die roten Blutkörperchen, die Leberwerte und die Blutgerinnung durcheinander. HELLP kann sich schnell entwickeln, teils innerhalb weniger Stunden, und gilt als medizinischer Notfall. In den seltensten, schwersten Fällen kann eine Präeklampsie außerdem in eine Eklampsie übergehen, bei der Krampfanfälle auftreten. Das klingt beängstigend, ist aber sehr selten und wird durch die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen meist frühzeitig verhindert.

Warnzeichen, die du ernst nehmen darfst

Nicht jede Schwangere mit Präeklampsie merkt selbst etwas, manche Werte fallen erst bei der Vorsorge auf. Trotzdem gibt es Anzeichen, bei denen du lieber einmal zu oft anrufst:

  • Kopfschmerzen, die bleiben, egal was du dagegen tust
  • Flimmern vor den Augen oder Lichtblitze
  • Wassereinlagerungen, die plötzlich stärker werden, vor allem im Gesicht
  • Schmerzen im rechten Oberbauch, oft mit Übelkeit
  • ein Gefühl von Unruhe, das du nicht recht einordnen kannst

Ein einzelnes dieser Zeichen bedeutet noch nicht automatisch Präeklampsie. Aber es lohnt sich, es anzusprechen statt abzuwarten, ob es von selbst besser wird.

Wer ein erhöhtes Risiko hat

Präeklampsie kann grundsätzlich jede treffen. Manche Frauen werden trotzdem etwas genauer im Blick behalten:

  • beim ersten Kind
  • bei einer Präeklampsie in einer früheren Schwangerschaft
  • bei Mehrlingen
  • ab einem Alter von 40 Jahren
  • bei bestehendem Bluthochdruck, Diabetes oder Nierenerkrankungen
  • bei starkem Übergewicht
  • wenn Mutter oder Schwester schon betroffen waren

Gehörst du zu einer dieser Gruppen, heißt das nicht, dass du erkrankst. Es bedeutet nur, dass deine Frauenärztin bei den Vorsorgeterminen etwas genauer hinschaut, zu deinem Schutz und dem deines Kindes.

Was passiert, wenn der Verdacht sich bestätigt

Steht die Diagnose, wirst du engmaschiger betreut als sonst. Das kann ambulant sein, mit häufigeren Terminen, oder stationär, wenn die Werte deutlicher auffällig sind. Kontrolliert werden dann Blutdruck, Urin, Leber- und Nierenwerte sowie die Blutgerinnung. Per Ultraschall und CTG schaut man außerdem, wie es deinem Baby geht.

Je nach Schwere kommen blutdrucksenkende Medikamente zum Einsatz, über Wirkstoff und Dosierung entscheidet deine Ärztin. Bei stärkeren Verläufen kann es nötig werden, die Geburt einzuleiten oder einen Kaiserschnitt zu planen, manchmal früher als geplant. Das ist erst einmal ein Schreck. Gleichzeitig gilt: Die Versorgung von Frühgeborenen hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt, auch sehr früh geborene Kinder haben heute gute Chancen. Auch nach der Entbindung bleibst du meist noch einige Tage zur Beobachtung da, weil die Werte nicht sofort wieder normal sind.

Was das für dein Baby bedeutet

Wenn die Plazenta schlechter durchblutet ist, kann sie dein Kind nicht mehr ganz so gut versorgen. Fachleute sprechen dann von einer Plazentainsuffizienz. Sichtbar wird das oft daran, dass dein Baby im Ultraschall langsamer wächst als erwartet. Deshalb gehören bei einer Präeklampsie regelmäßige Wachstumskontrollen dazu, nicht weil sofort etwas Schlimmes passiert, sondern damit rechtzeitig reagiert werden kann, falls doch.

Vorbeugen: was wirklich hilft

Ganz verhindern lässt sich eine Präeklampsie nicht. Ein paar Dinge senken das Risiko aber nachweislich, vor allem bei erhöhtem Risiko:

Niedrig dosierte Acetylsalicylsäure, meist ab der 16. Schwangerschaftswoche und in Absprache mit der Frauenärztin, kann laut den Leitlinien der Fachgesellschaften (AWMF) das Risiko bei Risikopatientinnen senken. Wichtig ist dabei die Betonung auf Rücksprache, das ist keine Entscheidung, die du allein triffst.

Daneben helfen die Dinge, die du wahrscheinlich schon kennst: ausgewogen essen, in Bewegung bleiben, so gut es geht Stress rausnehmen. Ein Spaziergang am Abend. Schwimmen, wenn du magst. Keine dieser Maßnahmen ist ein Versprechen. Sie senken das Risiko ein Stück, mehr nicht, und dazu gibt es auch noch vergleichsweise wenig belastbare Forschung. Was tatsächlich am meisten zählt, sind die regelmäßigen Vorsorgetermine, weil dort Veränderungen auffallen, bevor du selbst etwas merkst.

Nach der Geburt geht es weiter

Mit der Entbindung ist eine Präeklampsie meist nicht sofort vorbei. Blutdruck und Laborwerte normalisieren sich in der Regel innerhalb weniger Tage bis Wochen, deshalb wirst du auch im Wochenbett noch kontrolliert. Für eine erneute Schwangerschaft gilt: Das Risiko, wieder eine Präeklampsie zu entwickeln, ist etwas erhöht, das heißt aber nicht, dass es wieder passiert. Es heißt vor allem, dass du beim nächsten Mal von Anfang an engmaschiger begleitet wirst.

Auf längere Sicht zeigen Studien außerdem ein etwas erhöhtes Risiko für Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen im späteren Leben, bei Kindern wird ein möglicher Zusammenhang mit späterem Übergewicht diskutiert. Die Datenlage dazu ist noch nicht sehr umfangreich. Trotzdem kann es sinnvoll sein, den eigenen Blutdruck auch Jahre später im Hinterkopf zu behalten und beim Hausarzt ansprechen, dass es diese Vorgeschichte gibt.

Wenn dich das alles verunsichert

Es ist völlig normal, wenn Begriffe wie Präeklampsie oder HELLP dir erst mal den Boden unter den Füßen wegziehen. Die meisten Frauen, bei denen das diagnostiziert wird, bekommen mit guter Betreuung gesunde Kinder. Austausch hilft dabei oft mehr als noch mehr Lesen. Der Bundesverband Präeklampsie & HELLP-Syndrom e.V. begleitet Betroffene und ihre Familien in der ganzen DACH-Region, auch nach der Geburt.

Wer tiefer in die medizinischen Hintergründe einsteigen möchte, findet die klinische Einordnung ausführlich in unserem Lexikoneintrag Schwangerschaftsvergiftung (Präeklampsie). Für alle anderen gilt vor allem eines: Kenn deine Warnzeichen, geh zu deinen Vorsorgeterminen, und wenn im Zweifel ein Wert komisch aussieht, greif lieber einmal zu oft zum Telefon.

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