Letzten Sonntag, kurz vor halb elf. Mein Kind schläft endlich, mein Mann sitzt vorm Fernseher und ich liege im Bett und spüre ein Ziehen im Unterbauch, das ich noch nicht kenne. Zweites Kind, 26. Woche, eigentlich sollte ich das ja schon gelassener nehmen. Bin ich aber nicht.
Ich google natürlich trotzdem erst. Zwanzig Minuten, zwei Foren, ein Artikel, der mir erzählt, das könne “harmlos oder ernst” sein. Danke auch. Am Ende habe ich nicht die Notaufnahme angerufen, sondern eine Hebamme über eine Videosprechstunde. Fünfzehn Minuten später wusste ich, dass es wahrscheinlich ein Übungswehen-Ding war, und dass ich zur Sicherheit am Montag trotzdem in die Praxis soll. Genau so ist es dann auch gekommen.
Der Moment, in dem ich fast überreagiert hätte
Ich bin niemand, der bei jedem Zwicken die Nummer der Klinik wählt. Aber dieses Ziehen war neu, und nachts um halb elf ist die Praxis zu, und die Hebamme aus meinem Geburtsvorbereitungskurs schläft vermutlich auch. Genau für solche Lücken gibt es inzwischen Plattformen, über die man mit einer Hebamme oder Ärztin per Video sprechen kann, oft rund um die Uhr.
Ich will nicht behaupten, dass ich das vorher für nötig gehalten hätte. Aber in dem Moment war es genau das, was ich brauchte: keine Ferndiagnose, sondern jemand, der zugehört hat und mir gesagt hat, worauf ich achten soll und wann ich wirklich losfahren müsste. Bei anhaltenden oder starken Schmerzen, Blutungen oder Fieber gilt das natürlich nicht als Ersatz für den direkten Weg in die Klinik oder zur Ärztin, das hat mir die Hebamme auch so gesagt. Zur Einordnung, wann genau das der Fall ist, hat auch frauenaerzte-im-netz.de gute Hinweise.
Was so ein Videocall eigentlich bringt
Ich hatte mir das vorher steriler vorgestellt. Irgendwie wie ein Callcenter. War es nicht. Die Frau am anderen Ende hat sich Zeit genommen, nachgefragt, wie sich das Ziehen genau anfühlt, ob es kommt und geht, ob ich schon geblutet habe. Am Ende hatte ich das Gefühl, tatsächlich mit einer Person gesprochen zu haben und nicht mit einem Algorithmus, der mir eine Liste von Symptomen vorliest.
Solche Angebote sind mittlerweile ziemlich ausdifferenziert. Es gibt Hebammenplattformen für die schnelle Einschätzung nachts oder am Wochenende. Es gibt virtuelle Sprechstunden bei Gynäkologinnen, wenn es um Befunde oder Rückfragen zu Medikamenten geht. Und es gibt psychologische Begleitung online, etwa bei Ängsten in der Schwangerschaft oder nach der Geburt.
Diesen letzten Punkt fand ich fast am interessantesten. Eine Freundin von mir hatte nach der Geburt ihrer Tochter Wochen, in denen sie sich selbst nicht wiedererkannt hat. Sie hat sich lange nicht getraut, darüber zu sprechen. Am Ende war es ein anonymer Videotermin, über den sie den ersten Schritt gemacht hat, bevor sie sich auch persönlich Hilfe gesucht hat. Wenn du das Gefühl hast, dass es dir ähnlich geht: Wochenbettdepression ist kein Zeichen von Versagen, sondern etwas, worüber man mit ärztlicher oder therapeutischer Unterstützung reden sollte, dazu gibt es auch verständliche Informationen bei kindergesundheit-info.de.
Das Stillen, das erste Mal, und warum ich nicht früher angerufen habe
Bei meinem ersten Kind hat das Stillen in der ersten Woche überhaupt nicht geklappt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wunde Brustwarzen, ein Kind, das schrie statt zu trinken, und ich um drei Uhr morgens auf der Bettkante, kurz davor, alles hinzuschmeißen. Die Hebamme kam erst zwei Tage später wieder vorbei. Dazwischen lagen zwei Nächte, die ich mir hätte sparen können, wenn ich gewusst hätte, dass es auch eine Video-Stillberatung gibt.
Beim zweiten Kind weiß ich das jetzt. Ob ich es tatsächlich nutzen werde, weiß ich noch nicht, vielleicht klappt es diesmal besser, vielleicht auch nicht. Aber allein zu wissen, dass da jemand erreichbar ist, nimmt schon vorher etwas Druck raus.
Wo es an seine Grenzen kommt
Ganz ehrlich: ein Videocall ersetzt keinen Ultraschall. Und er ersetzt auch nicht die Hand, die eine Hebamme dir auf den Bauch legt, um zu tasten, wie das Kind liegt. Das habe ich am Montag in der Praxis auch gemerkt, als die Ärztin mit dem Ultraschall in zwei Minuten das geklärt hat, wofür ich am Vorabend noch am Handy saß.
Digitale Beratung ist gut für die erste Einschätzung, für die Frage, ob man jetzt losfahren muss oder das bis morgen warten kann, oder für Themen, die man nicht sofort mit der Ärztin im vollen Wartezimmer teilen möchte. Sie ist kein Ersatz für die Vorsorge, für den Ultraschall oder für die Geburt selbst.
Was es kostet und worauf ich achten würde
Viele Kassen übernehmen inzwischen telemedizinische Hebammenberatung, das habe ich im Nachhinein selbst nachgeschaut. Vorher hätte ich vermutlich einfach bezahlt, ohne zu fragen, so groß war die Erleichterung. Wer das nutzen will, sollte kurz bei der eigenen Kasse nachfragen und darauf achten, dass die Plattform mit geprüften Hebammen oder Ärztinnen arbeitet und im Zweifel an eine Praxis oder Klinik weitervermittelt.
Am Ende bin ich am Montag trotzdem zur Vorsorge gefahren, wie es die Hebamme geraten hatte. Das Ziehen war harmlos. Aber ich hätte diesen Abend sonst wahrscheinlich wach im Bett verbracht und mir Sorgen gemacht, die eine Fremde am Bildschirm mir in einer Viertelstunde nehmen konnte. Für mich war das an diesem Sonntag genug.



