Als meine Tochter drei Wochen alt war, stand ich nachts um zwei in der Küche und habe zum ersten Mal ein Fläschchen Pre-Nahrung angerührt. Die Milch war nicht das Problem. Das schlechte Gewissen war es. Dabei hätte ich mir das sparen können, denn beide Wege bringen ein Baby gut durch die ersten Monate.

Diese Frage taucht in fast jeder Wochenbett-WhatsApp-Gruppe auf: Muttermilch oder Pre? Die kurze Antwort: Es kommt darauf an, was bei dir gerade funktioniert. Die lange Antwort liest du jetzt.

Was Pre-Nahrung eigentlich ist

Pre-Nahrung ist die erste von zwei Varianten industriell hergestellter Säuglingsanfangsnahrung, die 1-Nahrung ist die zweite. Der Unterschied liegt vor allem im Kohlenhydratanteil. Anfangsnahrungen mit der Bezeichnung „Pre“ sind der Muttermilch am ähnlichsten. Ihr Eiweißgehalt ist der Muttermilch angeglichen und sie enthalten als einziges Kohlenhydrat Milchzucker. Das ist auch der Grund, warum viele Hebammen bei der Erstausstattung zur Pre-Nahrung raten, wenn zugefüttert werden muss.

Ganz grundsätzlich gilt: Anfangsnahrungen sind der Muttermilch so weit wie möglich angeglichen. Sie entsprechen in ihrer Zusammensetzung den Ernährungsbedürfnissen des Säuglings. Das steht so auch bei kindergesundheit-info.de, der Aufklärungsseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Was genau in Pre-Nahrung steckt und wie sich die verschiedenen Sorten unterscheiden, haben wir in einem eigenen Beitrag zur Flaschennahrung zusammengefasst. Da lohnt sich ein Blick, bevor du im Drogeriemarkt vor dem Regal stehst und zwischen fünf Marken wählen musst.

Muttermilch kann etwas, das kein Pulver kann

Ich will hier nicht wiederholen, was wir schon ausführlich in unserem Beitrag zu Muttermilch erklärt haben. Nur so viel: Sie verändert ihre Zusammensetzung je nachdem, wie alt dein Kind ist, ob es krank ist oder gerade einen Wachstumsschub hat. Das kann kein Fertigprodukt nachbilden. Genau das bringt es auf den Punkt: Bis heute ist es nicht gelungen, Muttermilch durch ein Fertigprodukt gleichwertig zu ersetzen.

Das heißt aber nicht, dass Pre-Nahrung ein Kompromiss zweiter Klasse ist. Sie ist eine sichere und gut untersuchte Alternative, wenn Stillen aus welchen Gründen auch immer nicht klappt oder nicht gewollt ist. Wie du dabei trotzdem Nähe schaffst, also Blickkontakt, Hautkontakt, das Baby beim Füttern auf dem Arm statt in der Wippe, das haben wir in Flaschenernährung mit Herz beschrieben.

Der Kostenfaktor, über den niemand redet

Reden wir kurz übers Geld, weil das in den meisten Ratgebern fehlt. Eine Packung Pre-Nahrung kostet je nach Marke und Größe irgendwo zwischen 12 und 20 Euro. Ein Neugeborenes trinkt in den ersten Wochen noch wenig, aber mit drei, vier Monaten kann eine Packung schon nach fünf bis sieben Tagen leer sein. Auf einen Monat gerechnet landest du damit locker bei 60 bis 100 Euro, je nachdem wie viel dein Baby trinkt und welche Marke du nimmst. Das ist kein Vorwurf an irgendjemanden, nur eine Zahl, die in der Familienkasse eben auch eine Rolle spielt und die man vorher wissen sollte.

Warum selber mischen keine Option ist

Manchmal liest man von Eltern, die ihre eigene Babymilch ansetzen, aus Kuhmilch, Hafermilch oder was gerade im Kühlschrank steht. Lass es. Fachkräfte und wissenschaftliche Gesellschaften raten davon ab, Flaschennahrung selbst zuzubereiten. Warum das gefährlich werden kann, mit welchen Mängeln und Risiken selbstgemachte Babynahrung einhergeht, haben wir ausführlich in Selbstgemachte Babynahrung: Warum Vorsicht geboten ist aufgeschrieben.

Wenn dein Baby eine besondere Milch braucht

Nicht jedes Baby kommt mit Standard-Pre-Nahrung klar. Für allergiegefährdete Säuglinge und Säuglinge mit vorhandenen Allergien werden spezielle Milchnahrungen angeboten. Diese sollten nur nach Absprache mit dem Arzt oder der Ärztin verwendet werden. Wenn dein Kind also nach dem Fläschchen Ausschlag bekommt, sich ungewöhnlich oft übergibt oder einfach nicht zunimmt, ist das kein Fall für Dr. Google, sondern für die Kinderarztpraxis oder deine Hebamme. Die können auch abklären, ob es wirklich an der Milch liegt oder an etwas ganz anderem.

Die Entscheidung gehört dir

Bei meinem ersten Kind hatte ich das Gefühl, ich müsste mich rechtfertigen, sobald jemand die Pre-Flasche im Wickelbeutel sah. Beim zweiten Kind, das jetzt unterwegs ist, habe ich mir vorgenommen: kein schlechtes Gewissen mehr, egal wie es läuft. Stillen ist erlernbar, keine Frage, aber es muss nicht um jeden Preis erzwungen werden. Wer wissen will, wie Stillen von Anfang an gelingen kann und wo es hakt, findet dazu mehr in unserem Beitrag zum Stillen.

Was danach kommt, also Beikost, Trinkmengen, der Wechsel von Pre- zu Folgemilch, das alles hat seine eigene Logik und eigene Fallstricke. Einen groben Fahrplan fürs erste Jahr findest du in Bestens versorgt durch das erste Babyjahr. Ich schreibe dazu weiter, sobald mein Zweites da ist und ich selbst wieder mittendrin stecke, mit allem, was dann tatsächlich funktioniert und was nicht.